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Vetus Latina
Vetus Latina

Vetus-Latina oder "altlateinische Bibel" ist die Sammelbezeichnung für die große und sehr verschiedenartige Gruppe der lateinischen Bibeltexte, die vor und teilweise neben der Vulgata lebendig und seit dem 2. Jahrhundert in Gebrauch waren.

Mit der Ausbreitung und dem Siegeszug des Christentums im Römischen Reich setzte sich das Latein immer mehr durch - in Nordafrika ebenso wie in Spanien, England, Gallien und in Germanien. So entstand eine Vielzahl recht unterschiedlicher, oft ungenauer und bis dahin von der Kirche nie autorisierten Bibelübersetzungen.

Diese Bibelschwemme wurde im 4. Jahrhundert gestoppt, als die Vulgata ihren Anfang nahm. Sie ist derjenige lateinische Bibeltext, der die Fülle der Vetus Latina abgelöst und seit dem 7./8. Jahrhundert sich ihr gegenüber endgültig durchgesetzt hat.

Die Vulgata ist eine Sammlung von Büchern mit verschiedenartigen Texten. Ihren Grundstock bilden im Alten Testament die Übersetzungen, die Hieronymus (gestorben 420) unter Benutzung altlateinischer Texte direkt aus dem Hebräischen geschaffen hat. In den restlichen Teilen des Alten und des Neuen Testaments ist die Vulgata die -nur in den Evangelien von Hieronymus- revidierte Fassung einer der verschiedenen Formen des altlateinischen Bibeltextes. Sie stellt jedoch einen individuellen Text dar, der sich aus der Überlieferung eindeutig rezensieren läßt, wenn er auch in seiner langen Geschichte verschiedene Bearbeitungen und Ausgaben erfahren hat.

Demgegenüber meint Vetus Latina alle aus dem Griechischen übersetzten Bibeltexte, die nicht zur Vulgata gehören. Die Vetus Latina ist nur sehr bruchstückhaft überliefert.

Neben wenigen erhaltenen Handschriften, die unregelmäßig über die Bibel verteilt sind, treten, als wesentliche Quelle für ihre Erforschung, die biblischen Zitate und Anspielungen bei den lateinischen und in früher Zeit ins Lateinische übersetzten Kirchenschriftstellern.

Unter ihnen bilden die Zitate des Afrikaners Cyprian (gestorben 258) einen sicheren Ausgangspunkt. In Wortschatz und Übersetzungsart unterscheidet sich Cyprians Text erheblich von späteren Textformen, für die seit dem 4. Jahrhundert die Quellen reichlich fließen.

Eine doppelte Absicht hat die Geschichte der altlateinischen Bibel bestimmt: den Text immer genauer dem jeweils gültigen griechischen Text anzugleichen und den Wortschatz der afrikanischen Textform durch den der europäischen Formen zu ersetzen. So erhalten wir wertvolles Material für die Kenntnis der griechischen Bibel wie für die lateinische Philologie, doch hat die Vetus Latina darüber hinaus ihren eigenen Wert für die Kultur- und Geistesgeschichte des Abendlandes.

Die erste wissenschaftlich gültige Ausgabe der altlateinischen Bibel schuf der französische Benediktiner Pierre Sabatier (gestorben 1742), der aus den Werken von etwa sechzig Kirchenvätern die altlateinischen Bibeltexte sammelte und in drei mächtigen Foliobänden veröffentlichte.

Eine Gesamtausgabe der altlateinischen Texte auf Grund der edierten Handschriften und der selbständig exzerpierten Schriftstellerzitate wurde - angeregt durch E. von Wölfflin, den Begründer des Thesaurus Linguae Latinae, - vom Münchner Pfarrer Josef Denk (gestorben 1927) geplant, der in 24-jähriger Sammlertätigkeit eine Zettelkartei mit einer Million altlateinischen Bibelzitaten aus den Jahren 200 bis 800 aufbaute. Er durchforschte dazu über 300 Werke. Nach seinem Tod erhielt die Erzabtei Beuron die wertvolle Sammlung.

Das hier seit 1945 von Bonifatius Fischer OSB aufgebaute Institut, hat die vollständige Sammlung und kritische Herausgabe aller erhaltenen Reste der altlateinischen Bibelübersetzungen aus Handschriften und Zitaten bei alten Schriftstellern zur Aufgabe.

Demgemäß wird die von J. Denk begonnene Zettelkartei laufend erweitert und erneuert; die Zitate werden nach den jeweils besten kritischen Editionen ausgewertet und das handschriftliche Material wird in Mikrofilmen oder daraus gefertigten Fotoabzügen benützt. Um das Neben- und Auseinander der unterschiedlichen Texte deutlich zu machen, wurde eine spezielle Editionstechnik entwickelt.

So bietet die dreigeteilte Textseite im Schema zwischen dem Ausgangspunkt, dem griechischen Text mit seinen einwirkenden Varianten, und dem Endpunkt der lateinischen Textentwicklung, der Vulgata mit den aus der Vetus Latina stammenden Lesarten, die erhaltenen altlateinischen Texttypen mit allen verschiedenen Abweichungen.

Der kritische Apparat nennt zu jedem Text die einzelnen Zeugen, Handschriften und Schriftsteller, und gibt kurze Hinweise auf die Textgeschichte und die grammatikalischen Besonderheiten.

Im Zeugenapparat findet sich der genaue Wortlaut jedes Textzeugen. Bei jedem Vers der Bibel wird also ohne weiteres ersichtlich, welche Väter, deren Zahl zwischen Null und anderthalb Tausend schwanken kann, den Vers zitieren.

Die Einzelheiten zu den einzelnen Bänden bringen die Beschreibung der Handschriften, klassifizieren die Texte, behandeln das Verhältnis zur griechischen Vorlage und umreißen die größeren Linien der Textgeschichte.

Als Abschluß des ganzen Werkes ist eine große lateinisch-griechische sowie griechisch-lateinische Konkordanz der gesamten lateinischen Bibel geplant, deren Erarbeitung nach dem Fortschritt der Ausgabe erfolgt.

Die Edition, die im Verlag Herder, Freiburg/Brsg., erscheint, ist auf 27 Bände ausgelegt, von denen einige in Teilbände gegliedert werden. Die Hauptlast der Editionsarbeit wird seit Jahrzehnten - neben einigen Mönchen - von hochqualifizierten Wissenschaftlern beider Konfessionen geleistet.


Vetus-Latina-Institut, D-88631 Beuron
Telefon: 07466 / 17-173,
Telefax: 07466 / 17-122
Wissenschaftliche Leitung:
Prof. Dr. Roger Gryson
Tel.: +49 7466 17161 (Beuron) oder
Tel./Fax: +32 1045 2294 (Louvain-la-Neuve, Belgien)
Mail:
Postanschrift: Faculté de théologie, Grand-Place 45, B-1348 Louvain-la-Neuve.

→ www.vetus-latina.de
→ www.vetuslatina.org